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18.06.2020

Scheibenkreuz von Rade wieder aufgestellt: Gedenken an einen 700 Jahren alten Mordfall?

Das Scheibenkreuz von Rade ist zurück – als originalgetreue Kopie an leicht verändertem Standort, um künftige Beschädigungen durch den Autoverkehr zu vermeiden. Am gestrigen Donnerstag wurde das „neue“ Denkmal von Landrat Dr. Andreas Ebel den Bürgerinnen und Bürgern offiziell übergeben. „Gut, dass das Scheibenkreuz an einem etwas ruhigeren Ort in Rade aufgestellt werden konnte. An dieser Stelle können Geschichtsinteressierte in die Vergangenheit abtauchen. Ich bedanke mich bei allen, die dazu beigetragen haben, dass ein Stück Geschichte erhalten bleibt“, hebt Landrat Dr. Andreas Ebel die Arbeit aller Beteiligter hervor.

Ein Rückblick zeigt: Lange standen das spätmittelalterliche Kleindenkmal und die dazugehörige Infotafel direkt an der vielbefahrenen Landesstraße von Wittingen nach Diesdorf. Dabei war das Denkmal zum größten Teil eingegraben, so dass nur die eigentliche Scheibe sichtbar war. Nach einer Beschädigung bei einem Unfall im Sommer 2018 wurde das Denkmal von der Kreisarchäologie zunächst gesichert und zur Reparatur an einen Spezialbetrieb übergeben. „Der Muschelkalk ist relativ empfindlich, weshalb wir uns dafür entschieden haben, das rund 700 Jahre alte Original nach der Reparatur an das Historische Museum Schloss Gifhorn zu übergeben“, erklärt Dr. Ingo Eichfeld von der Kreis- und Stadtarchäologie.

Damit die Bürgerinnen und Bürger nicht auf ihr Wahrzeichen verzichten müssen, wurde ein Abguss angefertigt. Die Besonderheit dabei: In den Abguss wurden Stahlarmierungen eingesetzt, mit denen das knapp zwei Meter hohe Scheibenkreuz in einem Betonsockel verankert ist. So kann es in voller Größe präsentiert werden. „Die Vorschriften an die Baustatik waren im Mittelalter noch nicht so streng, da ist man noch ohne Armierung ausgekommen“, verrät der Kreisarchäologe. Auch Wittingens stellvertretender Bürgermeister Jörg Bialas und der Rader Ortsvorsteher Wilfried Korth zeigten sich zufrieden. Sie stellten übereinstimmend fest, dass die Kopie vom Original nur durch die fehlende Patina zu unterscheiden sei.

Die ursprüngliche Funktion des Denkmals ist unbekannt. Dafür ranken sich viele Geschichten und Sagen um den Stein. Die älteste überlieferte Sage lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ein Glockengießer aus Salzwedel sollte in Wittingen für die Kirche eine neue Glocke gießen. Der Meister konnte die Glocke aber trotz wiederholter Versuche nicht zustande bringen. Daraufhin machte er sich auf den Weg nach Salzwedel, um ein Zaubermittel zu holen. Vorher trug er seinem Lehrling auf, den Ofen mit dem zu erhitzenden Metall zu hüten, aber auf gar keinen Fall den Zapfen aus dem Tiegel zu ziehen. Doch der Junge konnte sich nicht beherrschen und ließ, als das Metall flüssig geworden war, die Bronze in die Form laufen. Voller Angst lief er seinem Meister entgegen und berichtete aufgeregt, dass die Glocke bereits gegossen sei. Der Meister geriet darüber so in Zorn, dass er seinen Lehrling an Ort und Stelle erschlug. Als später jedoch die Glocke geläutet wurde, hatte sie einen wunderschönen Klang. Die Wittinger sollen dem Toten daher diesen Stein zum dankbaren Gedächtnis an der Stelle errichtet haben, wo sein junges Leben endete.

In der Sage steckt möglicherweise ein Fünkchen Wahrheit, denn vergleichbare Steindenkmäler wurden im Mittelalter als Grabsteine auf Friedhöfen oder auch als Sühnesteine an Stellen errichtet, an denen einmal ein Verbrechen stattgefunden hat. Im Landkreis Gifhorn finden sich ähnliche, aber kleinere Steine in Steimke, im Bockling bei Ehra-Lessien sowie an den Kirchen von Jembke und Calberlah. Bis zur Einführung der „Peinlichen Halsgerichtsordnung“ im Jahr 1532 galten Vergehen wie Mord oder Totschlag als Verbrechen gegen die Sippe des Getöteten. Um eine Blutfehde zu verhindern, musste ein Sühnevertrag abgeschlossen werden, der als Sühneleistung vielfach auch die Aufstellung eines Steinkreuzes forderte. Es wird aber auch eine Funktion als Grenzstein diskutiert, zum Beispiel als Grenzdenkmal zwischen der Altmark und Lüneburg oder den Bistümern Verden, Halberstadt und Hildesheim, die früher in der Nähe von Wittingen aneinanderstießen.

„Ohne die finanziellen Hilfen von der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung und der Bürgerstiftung Wittingen wäre das Projekt so nicht möglich gewesen“, betont Dr. Ingo Eichfeld. Sein Dank geht auch an den Museums- und Heimatverein Gifhorn e.V., den ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger Heinz Gabriel, die Firma Wiesensee aus Radenbeck und die Straßenmeisterei Knesebeck, die das Vorhaben durch Zuschüsse bzw. Amtshilfe unterstützt haben.